Ein eisiger Wind zieht durch das Treppenhaus, drängt sich an ihm vorbei und verfängt sich in den zerbrochenen Räumen. Eine Winterlandschaft von knisternder Kälte beginnt sich vor ihm auszubreiten. Er steht im Türrahmen und kann sich nicht bewegen. Zu einem Kloß stocken die Tränen und blockieren wie ein Bumerang die Abläufe seines Körpers. Er vergisst, wie man sich bewegt, er vergisst wie man denkt und die Dinge zu einem komplexen Verstehen zusammenfügt. Das Treiben um ihn ist eine Parallelwelt, der er in einem verwirrten Staunen zusieht, zerschlagene Fenster und eine Wüste, die die Scherben unter sich begräbt.Können Sie uns etwas dazu sagen? War sie allein, war sie verabredet?
Er dreht jetzt etwas den Kopf und blickt in das müde Gesicht eines Mannes, der sich umständlich durch die Haare fährt und immer wieder seinen Blick von ihm abwendet. Viele Menschen irren durch die Wohnung, Feuerwehrbeamte rollten Schläuche ein, jemand fotografiert, in Plastikanzügen Vermummte suchen nach Fingerabdrücken oder ähnlichem. Er denkt an die Krimis im Fernsehen und steht eingeklemmt zwischen Treppenhaus und Wohnung. Da gibt es eine Stelle im Magen, die sich im entscheidenden Moment zu einem Knoten zusammenziehen kann. Still und gemein. Diese Stelle ist daumenkuppelgross. Er kennt sie. Er spürt sie genau. Sie blockierte das Atmen. Er schwankt. Seine Augen tasten sich Wände entlang, um eine Ordnung zu finden. Ein Nebel liegt auf ihnen und begräbt das sonnige Gelb unter sich. Er stöhnt und blickt jetzt wieder zum Kommissar, der immer noch seine in Einweg-Handschuhe verpackten Hände durch die Haare schiebt. Immer wieder. Er will diese Geste stoppen. Gänsehaut kommt zu der Kälte auf seiner Haut. Der Kommissar wiederholt die Frage.
Nein, murmelt er und ist irritiert über die Brüchigkeit seiner eigenen Stimme. Nein. Er zieht sich wieder zurück in das Treppenhaus und blickt aus dieser Ferne entmutigt in die gerahmte Winterlandschaft. Die dämmrige Farblosigkeit des Treppenhauses umschließt ihn. Der Kommissar rückt ihm nach und sieht ihn erwartungsvoll an.
Nein, sagt er wieder, nein. Ich habe erst jetzt erfahren, dass sie in Wien ist. War. Seit gestern, murmelt er und schüttelt den Kopf über den Zustand, es nicht früher erfahren zu haben. Dann hätten sie sich auf eine Suppe im Alten Hasen getroffen, dann hätten sie geredet über das, was anstand, sie hätten gelacht und dann hätte sie seinen Rat eingeholt. Wie sonst auch. Er räuspert sich und hofft auf Aufschub. Auch das Reden fällt ihm schwer.
Es riecht nach Ruß und erhitztem Plastik, es riecht nach fremden Menschen, nach verkohltem Holz. Und es riecht nach dem vermoderten alten Haus. Die Wohnung ist winzig. Der Flur ist zugleich Küche, an die sich ein kleines Zimmer anschließt. Alle Farben sind im Ruß erblasst.