Als die Mutter anruft, sitzt sie gerade im Schuhgeschäft und probiert Schuhe an, die sie bei ihrer Sponsion anziehen will. Nach Verzögerungen hat sie ihr Studium abgeschlossen und wird in zwei Wochen in die Schweiz gehen. Sie wird in die Schweiz gehen. Es klingt wie ein Siegeszug. Eine Universität hat ihr eine Stelle angeboten. Sie hat sofort zugesagt, denn sie will das: soweit weg wie möglich sein. Sie will ihre Abrufbarkeit beenden. Die große Entfernung verspricht Rückendeckung. Sie wird einfach weg sein und in einem anderen Leben. Zwischen diesen Spalt hinausschlüpfen, der griffbereit vor ihr liegt, sie braucht nur einatmen, die Hand ausstrecken und durch diesen Spalt hindurch gleiten. So stellt sie sich das vor.
Sie wird damit den Widrigkeiten, die das verhindern könnten, gewachsen sein, vor allem der Atemnot, vor allem dem Schlamm an den Füßen, der wie trocknender Zement sie zu fixieren versucht. Sie will in ihr Leben, das sich beständig hinauszögert und droht, sich zu verlieren. Denn es ist zusehends schwieriger geworden, das Konzept eines Ichs zu erstellen, zu spüren und in den Berührungsmomenten zwischen Hand und Brust und Hand und Gesicht und Hand und Bauch eine Adaption wahrzunehmen. Das Konglomerat ihres Ichs beginnt jetzt und gerade mit der Auswahl des Schuhs und dem Satzanfang ich bin und wie durch ein Wunder mit dieser Stelle in der Schweiz, sich wieder zusammenzufügen. Die Last, die sie aus der Kindheit mitgeschleppt hat, beginnt sich zu verflüchtigen. Zwar sind die üblichen Verwundungen nicht ausgeblieben, als die Mutter gesagt hat: So, du lässt uns also im Stich, und der Vater hinzugefügt hat: endlich bist du fertig. Aber sie hat dem standgehalten und wie in pubertärem Trotz, den sie früher nie zulassen durfte, hoch erhobenen Hauptes das Zuhause verlassen. An der Tür hat ihr der Bruder den Arm liebevoll um die Schultern gelegt und gesagt: Du Glückliche. Das tat nochmals weh, weil es vertraut traurig klang. Komm mit mir mit, hat sie noch gesagt, mach das, die Wohnung ist groß genug, aber da war er schon wieder entschwunden und der Arm an ihrer Schulter eine Hülle, die schwer auf ihr lag.
Sie hat gehofft, es noch zu schaffen, bevor die Mutter anrufen würde mit diesem einen Satz, der wie eine Drohne immer über ihr geschwebt ist und sie all die Jahre gewusst hat, wie er klingen würde, wie die Mutter die Stimme verhalten trocken und als leisen Vorwurf durch das Handy säuseln würde. Sie hat es so sehr gehofft. Sie hat es so sehr gehofft. Die Kisten stehen fertig gepackt, eine neue Wohnung ist gemietet, das neue Büro in der Schweiz bekommt gerade einen neuen Anstrich.